Wie viele Leute glaubst du, schätzen sich selber als "Genuss-Mensch" ein? 

Etwa 1/3. 

Das ist nicht viel. Das ist sogar schrecklich ernüchternd, dass wir in unserer schnelllebigen Zeit nicht mehr die Zeit finden, um zu genießen - vor allem, wenn es um die schönste Nebensache der Welt geht, um das Essen. 

Hast du schon einmal etwas von der "Wiener Sinnestour" gehört? Hier steht das Genießen und Verkosten im Vordergrund. Drei Stunden lang bin ich mit einer kleinen Gruppe, angeführt von Bianca, einer "professionellen" Genießerin, durch den 9. Wiener Gemeindebezirk spaziert und habe mich durch die unterschiedlichsten Köstlichkeiten gustieren können.

Alle unsere fünf Sinne wurden hier angesprochen. Man unterschätzt diese, wenn es um das Thema Essen geht. Zuallererst wird das Essen nach seinem Aussehen beurteilt - und zwar nicht weniger als zu 90% - wir sehen uns die Lebensmittel an. Wir riechen daran, wir fühlen die Konsistenz und wir schmecken (süß, bitter, salzig, sauer und umami). 

Richtig, ein Sinn fehlt - der Hörsinn. Laut einer Studie, wo Wein in Verbindung mit Musik verkostet wurde, spielt diese eine nicht unwesentliche Rolle. Wein, zu dem klassische Musik bei der Verkostung gehört wurde, wurde als teurer eingeschätzt als Wein in Verbindung mit Pop-Musik. 

Nun zurück zu der Tour: Die erste Station war das "El Café" in der Alserbachstraße, wo wir Kaffee aus eigener Röstung geschlürft haben - im wahrsten Sinne des Wortes. Beim Schlürfen kommt das Aroma von der Bohne nämlich besonders gut zur Geltung, da es sich im Mundraum besser verteilt. 

Weiter ging es zum Kutschkermarkt, wo wir nach ein paar geschichtlichen Fakten über das Wiener Marktgeschehen im Allgemeinen und einem leckeren "Marktkipferl" zur nächsten Station marschierten, wo es "Grubenkraut" gab. Krautköpfe werden, wie es der Name verrät, einige Zeit in einer Grube mit Heu gelagert, wo es milchsauer vergärt. Danach wird es erst geschnitten. Klingt komisch, schmeckt aber unglaublich lecker! 

Als nächstes gab es wohl das beste Joghurt, welches ich jemals gegessen habe. Es war Schaf-Joghurt von der Firma Nuart. Cremig, vollmundig, einfach perfekt. Kaum noch zu toppen, dachte ich - bis der franzöische Gruyére und Comté mit dem Lavendelbrot vor mir standen. Dieser Käse ist auf der Zunge zerlaufen. Ich habe wohl seit ganz langer Zeit nicht mehr so viel und so guten Käse gespeist. 

Ganz interessant war die Art, diesen Käse zu verkosten. Grundsätzlich ist es wichtig, dass man zuallererst seinen Mund mit etwas Wasser neutralisiert. Um den Geschmack des Lebensmittels dann auch noch einmal zu riechen, nimmst du beispielsweise ein Stück Käse in den Mund, hältst dir die Nase zu, kaust weiter und atmest dann durch die Nase aus - der Geschmack wird intensiviert und ist sogar in der Nase "zu riechen". Versuche das kleine Experiment - es funktioniert mit allen Lebensmitteln! 

Da es dann allmählich kühl wurde, klang die Sinnestour im Gott sei Dank warmen Café "Schopenhauer" aus, wo wir traditionelle, hausgemachte Mehlspeisen zum Naschen bekamen - Marmorkuchen, Punschkrapferl und Apfelstrudel. 

Die Sinnestour war wirklich eine ganz außergewöhnliche und interessante Erfahrung für mich und sie hat mir einmal wieder das Genießen und das bewusste Essen der Lebensmittel etwas näher gebracht. 

Ich bin mir ganz sicher, dass sich langsames, bewusstes und genussvolles Essen positiv auf unsere Gesundheit, unsere Lebensqualität und unser persönliches Wohlbefinden auswirkt. Als ich in Frankreich war, habe ich mich immer gefragt, warum die Franzosen im Durchschnitt sehr schlank sind bei dem großen Baguette-, Wein- und Crêpes-Konsum - ganz einfach: Sie zelebrieren das Essen - meist auch in Gesellschaft. Und darauf kommt es an. Es macht einen sehr großen Unterschied, ob man sich morgens schnell ein Croissant in der U-Bahn "reinstopft" oder ob man ein paar Minuten mehr einplant morgens für sich und zuhause in Ruhe sein Frühstück zu sich nimmt. 

 

 

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